Eine kurze Geschichte:
„…wieder einmal war einer dieser schrecklichen Abende. Ich sollte mit meinen Eltern auf eine Feier. Dort kannte ich weder die Umgebung noch die Leute. Die Tür geht auf und warme, feuchte Luft kommt mir entgegen. Es ist laut, wie bei den meisten Feiern. Es kommt mir so vor als wenn unzählige Menschen in eine kleine Wohnung gedrängt sind. Nach einer kurzen und hektischen Begrüßung betrete ich das Wohnzimmer. Alles schwirrt in meinem Kopf und ich kann die vielen Eindrücke nicht verarbeiten. Von allen Seiten durchdringen mich Stimmen. Hinten in einer Ecke steht ein Mann. Ich sehe ihm an, dass er zwar lächelt, es ihm im Inneren aber nicht gut geht. Geräusche und Gerüche überwältigen mich und ich versuche in meine Welt zu versinken. Da merke ich plötzlich, dass eine Frau mit mir spricht. Es gelingt mir nicht aus meiner Welt aufzutauchen und ich sehe sie nur fragend an. Sie sieht mich verwundert an und wendet sich mit den Worten: „Und das soll dieses hochintelligente Kind sein?“ An eine andere Frau und schüttelt nur den Kopf.
Warum sieht mich nur niemand wirklich? Warum fühle ich mich immer, als wenn ich hier nicht her gehöre? Und wann werde ich endlich jemanden finden, der mir zeigt wie ich mit meinen Gaben umgehen lerne?...“
Vielleicht kennen Sie solche Situationen oder ihr Kind hat Ihnen so etwas in der Art schon einmal berichtet. Viele hochsensitive Menschen verfügen auch über eine Hochbegabung. Man spricht von einer Hochsensibilität bei ca. 10-15%. Jetzt sagen Sie sicher, dass sich dieser Wert nicht mit der Hochbegabung (2-3%) nicht deckt, aber ich denke auch dort bewegen wir uns bei ca. 10%, da wir nicht nur von einer kognitiven Hochbegabung ausgehen sollten, sondern auch von emotionaler oder auch sozialer Hochbegabung.
Nach vielen Büchern und Vorträgen zu den Themen Hochbegabung, Hochsensibilität und ADS war es sehr schwer an mancher Stelle eine wirkliche Abgrenzung dieser drei Bereiche zu finden. Viele „Merkmale“ scheinen zu verschwimmen und ineinander zu greifen.
Wenn ein hochbegabter Mensch automatisch mehr Informationen um sich herum aufnehmen kann um sie zu speichern, für ein späteres abrufen und dieser hochbegabte Mensch auch noch eine erhöhte Sensibilität hat und somit eine Vielzahl von zusätzlichen Informationen um sich herum erhält, ist er dann nicht "gezwungen" diese irgendwann auszublenden? Also quasi abzuschalten? Wenn dieser Mensch aber noch nicht "gelernt" hat welche Informationen wichtig sind und welche nicht blendet er dann nicht (wenigstens für eine Zeit) einfach alle Informationen aus und wirkt somit als Träumer oder als Aufmerksamkeitsgestört? Ist dieser Mensch nicht gezwungen Informationen auszublenden und nicht aufzunehmen, um nicht „überzulaufen“?
Was also, wenn man diese drei Bereiche gar nicht trennen kann? Müsste man dann nicht ganz anders in den einzelnen Bereichen vorgehen? Und ist es dann nicht am wichtigsten für diese Menschen zu lernen mit ihrer „Begabung“ umzugehen?
Nur wer die Chance erhält seine Fähigkeiten zu erkennen, lernt sie zu nutzen und diese nicht als „Handicap“ sieht, kann seine Begabung wirklich als Gabe annehmen und etwas Wichtiges daraus entwickeln. Hierfür braucht jeder Mensch den Raum sich entfalten zu können und durch kleine Anleitungen seinen Weg zu finden.
Die Autorin Birgit Trappmann-Knorr hat sich in ihrem Buch „Hochsensitv – Leben zwischen Hochbegabung und Reizüberflutung“ mit allen drei Phänomenen auseinandergesetzt und auch kritisch in Frage gestellt.
Zitat: „…dass es wohl ADS gepaart mit Hochbegabung geben muss. Dass dies jedoch nicht möglich sein kann, sagt schon der gesunde Menschenverstand. Wer einen Test zur Hochbegabung mit überdurchschnittlicher Bravour meistert, wie es nach allgemeinen Schätzungen nur bei drei Prozent der Bevölkerung möglich ist, kann kein Aufmerksamkeitsdefizit haben. Ein solcher Intelligenztest ist in der Regel an ein enges Zeitfenster geknüpft, sodass hier sogar ein überdurchschnittliches Konzentrationsvermögen vonnöten ist, aber auf keinen Fall ein Defizit!“
Somit kommt die Autorin zu dem Schluss, dass es sich hier vielmehr um ein „unechtes“ ADS in Form einer Hochsensitivität handeln muss.
Kinder und auch Erwachsene mit einer solchen Gabe nehmen eine Vielzahl mehr an (auch sehr kleinen und für andere nicht als wichtig eingestuft) Informationen in ihrer Umwelt war. Sie können nicht nur kleine Dinge besser hören und riechen, sondern auch fühlen. Somit spüren sie schon beim betreten eines Raumes ob es Menschen gut oder schlecht geht, ob ihnen Abneigung oder Offenheit entgegen gebracht wird. Diese vielen Eindrücke und Gefühle führen oft aber zu einem Handeln, welches von ihrer Umwelt nicht richtig wahrgenommen wird. Sie wirken oft schüchtern und zurückgezogen, verträumt und auch „arrogant“ in den Augen von Außenstehenden. Durch die Verarbeitung von der Vielzahl an Eindrücken und die ständige Fragen „Warum geht es der Person wohl nicht gut“ oder „Liegt das Verhalten an mir?“ und auch durch das ständige Hinterfragen von Situationen „Wieso ist das jetzt so?“ oder „Was habe ich denn falsch gemacht?“ wirken Hochsensitive Menschen oft sehr langsam in ihren Reaktionen. Oft müssen bestimmte Situationen auch ständig wieder nachempfunden und kontrolliert werden, sodass eine direkte Reaktion gar nicht möglich ist.
Unsere Aufgabe besteht darin, unseren Kindern zu helfen auf den „richtigen Weg“ zu finden. Ihnen zu zeigen was sie mit ihrer Hochbegabung und/oder Hochsensibilität für eine wundervolle Gabe erhalten haben, ihnen zu zeigen wie wertvoll es ist, so zu fühlen und zu denken. Wir sollten ihnen helfen diese zu nutzen und damit „umzugehen“, um daraus etwas Kostbares wachsen zu lassen. Hierzu benötigen unsere Kinder ein harmonisches Umfeld voller Akzeptanz, um die Kraft für ungewöhnliche und kreative Wege sammeln zu können und diese zu leben.
Die Gaben unserer Kinder braucht Kraft, Wohlwollen, Geduld, Verständnis und viel Energie von allen Beteiligten. Was wir aber dafür erhalten ist ein Leben voller kreativem Denken, ein beschreiten neuer Wege und ein entdecken ungewöhnlicher Lösungen.
Um allen einen Raum zur Entfaltung zu bieten, die dieses Nutzen möchten, finden ab Oktober in Zusammenarbeit mit Frau Brug in der Begegnungszentrum-Nievenheim verschiedene Angebot statt. Es wird ein „Inseltag“ für Kinder entstehen, sowie auch „Raum für Seelenzeit“ für Erwachsene. Hier werden wir nicht nur miteinander arbeiten und erfahren, sondern auch in der Zusammenarbeit mit Lamas neue Wege gehen.
Mai 2010
Birgit Ketzenberg